Wie heisst es immer so schön?
Musik ist eine internationale Sprache, die jeder versteht.

Wollen wir mal sehen, ob das wirklich eine Sprache ist. Ein Merkmal einer Sprache ist es, dass sie lebt, sich wandelt, anpasst. Und dass sie wandert.

Irgendwann, so um 711 herum, hatten sich die Mauren aus Nordafrika auf den Weg gemacht, Europa zu erobern. Das klappte auch in Spanien, also bei den Westgoten, ganz gut, bis sie es mit den Franken, na ja, deren Vorfahren, zu tun bekamen und Karl Martell sie so um 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers stoppte. Später hat dann sein Nachkomme Karl der Große (auch ein Franke) das übernommen und am 15. August 778 angeblich eine endgültige Abwehrschlacht gewonnen. Dabei kommt das erste mal auch Musik ins Spiel, denn die Töne aus Olivant, dem Horn des Recken Roland, rief die fränkische Armee bei Roncesvalles zurück, bis dahin hielt der Held den Pass, die Mauren wurden abgewehrt und haben nie die Pyrenäen überschritten. Und nein, Roland war kein Koch sondern ein richtiger Recke und Graf! Was für ein Recke das war, der Roland, das kann man heute noch in Bremen sehen. Und noch ein mal Nein, der Bremer Roland hat, obwohl das auf Grund des Themas naheliegend scheint, nichts mit den Bremer Stadtmusikanten zu tun.

Südlich davon sind sie, also die Mauren, aber lange geblieben. Und das maurische Kalifat in Spanien war wohl das gelehrteste, toleranteste und offenste Staatengebilde auf europäischem Boden in dieser Zeit. Und sehr künstlerisch.

Nur mit der Musik, da haperte es etwas.

Daher holten die Kalifen die damals besten und bekanntesten Musiker an ihre Universitäten, unter anderem in Cordoba, Sevilla und in Granada. Und das waren damals persische Musiker, die sehr viel mit Saiteninstrumenten spielten. Mit Setars (die sind auch nach Osten gewandert, und dort nennt man sie heute Sitars).

Allerdings waren diese urprünglich dreisaitigen Instrumente sehr schwer zu spielen, und, das muss man auch sagen, nicht besonders handlich oder klanggewaltig.
Macht aber nix, dachte man sich, und es entwickelte sich die Gitarre, dort untern im Land des Lichts, in Al-Andalus. Denn der Name Gitarre wurde aus dem Spanischen („guitarra“) entlehnt und geht über Arabisch „qīṯārah“ und Aramäisch „qipārā“ letztlich auf das altgriechische Wort „κιθάρα“ (Kithara) zurück. Jedoch ist dieses griechische Instrument wie die Lyra ein leierähnliches Instrument der griechischen Antike und eher ein Vorläufer der Harfe, Zither oder des Psalters. Das Wort „Kitara“ klingt zumindest ähnlich wie im persischen „Setar“, was dort „Dreisaiter“ bedeutet, so dass diese Entlehnung naheliegt. Gemeinhin wurde das Instrument auch als al oud (arab.عود:„das Holz“) bezeichnet woraus sich das mittelalterliche Wort „Laute“ ableitet. (siehe)

Und aus den Quellen der persischen Lehrer und dem neuen Instrument entwickelte sich auch ein neue Musik.
Diese Musik gibt es noch immer, in ihren Grundzügen, als Flamenco, sei es als „klassische Komposition“, die in den Konzertsälen der Welt erklingt wie das Concierto de Aranjuez von Joaqin Rodrigo (die aber, gespielt von einem verträumten alten Mann mit einer wackligen Gitarre, sitzend im Schatten eines Torbogens in der Mittagshitze, fast noch besser klingt).
Sei es als Ausdruck der nach Al-Andalus nach der Reconquista wiedergekehrten christlichen Frömmigkeit in Andalusien als Kirchenmusik wie in der Misa Flamenca.
Oder auch als Kunstform, gespielt von begnadeten Gitaristen wie Paco de Lucia.
Und als „Volksmusik“, die der Melancholie des Flamenco mit Liedern vom süssen Tod Rechnung tragen.

Und diese Musik hatte Ausstrahlung, von Spanien aus. Hinüber nach Nordafrika. Dort wuchs in Algerien, in der Nähe von Algier, ein kleines Mädchen heran, von kabylischer Abstammung, die nicht wollte, was der Vater sagt. Nein, sie wollte Musik machen. Als Mädchen, das muss man sich mal vorstellen. Sie hat auch Musik gemacht, aber erst mal nur nebenher. All zu viel durfte sie nicht. Sie hatte aber zum Glück Unterstützung durch Brüder. Trotzdem musste sie erst mal was ordentliches lernen und begann, Städtebau zu studieren. Bei einem Konzertbesuche in Frankreich beschloss Souad Massi dann, da zu bleiben und nur noch Musik zu machen, was ein Gewinn für dieselbe war.

Die algerische Sängerin Souad Massi

Souad Massi's concert in Jarash, Jordan 25th June 2007, Urheber Merkur Beqiri, http://www.flickr.com/photos/merkur/624157513/in/faves-24788065@N02/

Und in Ihren Liedern, in Arabisch, französisch und kabylisch, da klingt er wieder auf, der Flamenco. Verändert, gewandert, gewandelt. Sie war bei weitem nicht die Erste, die diese Einflüsse mit nach Nordafrika hineingezogen hatte. Und sicher auch nicht die Letzte. Und die Einflüsse wanderten weiter.

Es bildete sich eine ganz neue Stilrichtung in der nordafrikanisch-arabischen Musik heraus: Rai.
Und hört man gut zu, dann klingen in den Liedern eines ihrer bekanntesten Vertreter, Cheb Khaled, die Klänge des Flamenco durch.

Und hier, von Arabien aus, ist es nur noch ein ganz kleiner Schritt für die Musik zurück nach Hause, nach Persien, oh Verzeihung, in den Iran. Gewandelt zwar, gereift, aber sicher noch nicht fertig und weiter auf der Wanderung. Nehm ich an.

Ja, und wenn man ganz genau hinhört, dann klingen diese Rhythmen, Kadenzen, Läufe und Stimmungsbilder noch in ganz anderen Musikrichtungen auf. Hört nur ganz genau hin. Dann versteht man auch die Musik, die anscheinend doch ein Sprache ist, die überall verstanden wird und dabei sich wandelnd wandert.